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Das B-Wort: Warum ‘behindert’ kein Schimpfwort ist

Einleitung: Meine Perspektive als Mensch mit Behinderung Mein Name ist Patrizia, und ich lebe mit einer chronischen Krankheit, die mich dazu zwingt, eine IV-Rente zu beziehen. Diese Lebenssituation bringt nicht nur Herausforderungen im Alltag mit sich, sondern auch wiederkehrende Diskussionen und Vorschriften darüber, wie ich meine Behinderung korrekt zu benennen habe. Immer wieder erlebe ich, […]

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Einleitung: Meine Perspektive als Mensch mit Behinderung

Mein Name ist Patrizia, und ich lebe mit einer chronischen Krankheit, die mich dazu zwingt, eine IV-Rente zu beziehen. Diese Lebenssituation bringt nicht nur Herausforderungen im Alltag mit sich, sondern auch wiederkehrende Diskussionen und Vorschriften darüber, wie ich meine Behinderung korrekt zu benennen habe.

Immer wieder erlebe ich, dass Menschen und Institutionen mir aufzeigen wollen, welche Begriffe ich verwenden sollte und welche nicht.

Diese Diskussionen sind ermüdend und frustrierend. Sie lenken von dem eigentlichen Fokus ab: der Akzeptanz und Integration von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft. Für mich ist das Wort ‘Behinderung’ keineswegs ein Schimpfwort. Vielmehr beschreibt es eine Realität, die ich akzeptiert habe und mit der ich lebe. Es ist ein neutraler Begriff, der weder Mitleid noch Scham hervorrufen sollte.

Die gesellschaftliche Debatte um die korrekte Bezeichnung von Behinderungen scheint oft mehr Wert auf politische Korrektheit zu legen als auf das tatsächliche Erleben und die Bedürfnisse der Betroffenen. Dabei ist es wesentlich, dass wir als Gesellschaft die Individualität und die unterschiedlichen Lebenssituationen von Menschen mit Behinderung anerkennen, anstatt uns in Sprachvorschriften zu verlieren.

Ich wünsche mir, dass wir den Begriff ‘Behinderung’ mit der notwendigen Neutralität und Akzeptanz verwenden. Es ist wichtig, dass wir die Barrieren in unseren Köpfen abbauen und den Fokus auf Inklusion und Gleichberechtigung legen. Nur so können wir eine Gesellschaft schaffen, in der Menschen mit Behinderung nicht ausgegrenzt, sondern als gleichwertige Mitglieder anerkannt werden.

Warum ‘beeinträchtigt’ nicht der richtige Begriff ist

Der Begriff ‘beeinträchtigt’ wird oft verwendet, um Menschen mit Behinderung zu beschreiben, doch dieser Begriff ist aus mehreren Gründen problematisch. Erstens stellt ‘beeinträchtigt’ meine Unzulänglichkeiten in den Vordergrund, indem es suggeriert, dass ich in meiner Funktionsweise eingeschränkt bin. Diese Sichtweise ignoriert jedoch die Tatsache, dass viele meiner Herausforderungen nicht aus mir selbst heraus entstehen, sondern aus einer Umwelt, die nicht auf meine Bedürfnisse angepasst ist.

In einer perfekt auf mich abgestimmten Umgebung wäre ich nicht beeinträchtigt; es sind die äusseren Barrieren, die mich behindern.

Der Begriff ‘behindert’ hingegen lenkt den Fokus auf die Hindernisse und Barrieren in meinem Lebensraum, die mich einschränken. Es geht nicht nur um körperliche Barrieren, sondern auch um gesellschaftliche Vorurteile und mangelnde Zugangsmöglichkeiten. Durch die Verwendung des Begriffs ‘behindert’ wird die Verantwortung von der betroffenen Person auf die Umwelt und Gesellschaft verlagert, was ein wichtiger Schritt in Richtung Inklusion und Barrierefreiheit ist.

Die Umwelt, und nicht die Person, wird als Ursache des Problems identifiziert.

Darüber hinaus sind Begriffe wie ‘invalid’ und ‘handicap’ längst obsolet und diskriminierend. Diese Begriffe stammen aus einer Zeit, als Menschen mit Behinderung als grundsätzlich unfähig oder minderwertig betrachtet wurden. Solche Bezeichnungen tragen nicht zur Förderung eines inklusiven und respektvollen Umgangs bei und haben daher keinen Platz in einer modernen und aufgeklärten Gesellschaft.

Es ist wichtig, die richtige Sprache zu verwenden, um die Realität und die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung angemessen zu reflektieren. Indem wir bewusster mit Begriffen wie ‘behindert’ umgehen, können wir dazu beitragen, die gesellschaftlichen Barrieren zu erkennen und abzubauen, die diese Menschen tatsächlich behindern.

Das Leben mit einer Behinderung bringt vielfältige Herausforderungen mit sich, die sich in verschiedenen Lebensbereichen manifestieren. Ein markantes Beispiel ist die Gründung einer Familie. Aufgrund meiner chronischen Krankheit war es mir nicht möglich, eine Familie zu gründen oder eine stabile, gesunde Paar-Beziehung zu führen. Diese Einschränkung hat nicht nur meine persönlichen Wünsche beeinträchtigt, sondern auch die Lebensplanung stark beeinflusst.

Im beruflichen Kontext zeigt sich die Behinderung ebenfalls als erhebliches Hindernis. Trotz meines Engagements und meiner Bemühungen konnte ich meine berufliche Laufbahn nicht so verfolgen, wie ich es mir erhofft hatte. Häufige Fehlzeiten und die Notwendigkeit, flexible Arbeitszeiten zu haben, führten dazu, dass ich berufliche Chancen und Aufstiegsmöglichkeiten verpasste. Dies hat nicht nur meine Karriereaussichten eingeschränkt, sondern auch finanzielle Unsicherheiten zur Folge gehabt.

Auch das Hochschulstudium stellte eine grosse Herausforderung dar. Trotz hervorragender Leistungen und einer tiefen Leidenschaft für mein Studienfach war es schwierig, das Studium abzuschliessen. Die physische und mentale Belastung meiner Krankheit führten zu wiederholten Unterbrechungen und Verzögerungen. Dies verdeutlicht, wie sehr eine Behinderung den akademischen Fortschritt beeinträchtigen kann, selbst wenn die intellektuellen Fähigkeiten vorhanden sind.

Die Erreichung finanzieller Stabilität ist ein weiteres Gebiet, in dem sich meine Behinderung bemerkbar macht. Die eingeschränkte Arbeitsfähigkeit und die zeitweise Abhängigkeit vom Sozialamt führten zu finanziellen Engpässen und Schulden. Dies hat nicht nur Auswirkungen auf meinen Lebensstandard, sondern auch auf meine Fähigkeit, langfristige finanzielle Sicherheit zu gewährleisten.

Soziale Bindungen und Kontakte zu pflegen, ist ebenfalls eine Herausforderung. Meine Angststörung führt zu sozialer Isolation. Es fällt schwer, Freundschaften zu pflegen und neue Kontakte zu knüpfen. Dies hat erhebliche Auswirkungen auf das soziale Wohlbefinden und die psychische Gesundheit.

Schliesslich gibt es Zeiten, in denen selbst das Verlassen meiner Wohnung eine unüberwindbare Hürde darstellt. Die psychische Krankheit und die damit verbundene Erschöpfung machen einfache alltägliche Aufgaben zu einer grossen Anstrengung. Diese Beispiele verdeutlichen, dass ich tatsächlich in vielen Bereichen meines Lebens gehindert werde und daher den Begriff ‘Gehinderung’ als treffender empfinde.

So vieles war nicht möglich, an so vielem wurde ich gehindert. Ich habe eine Gehinderung.

Der Fokus auf das Wesentliche: Hindernisse beseitigen

Es ist von entscheidender Bedeutung, die Diskussionen über die korrekte Bezeichnung von Behinderungen zu beenden und stattdessen unsere Energie auf das zu konzentrieren, was wirklich zählt: die Beseitigung von Hindernissen. Die semantische Debatte darüber, wie man eine Behinderung am besten beschreibt, lenkt oft von den tatsächlichen Herausforderungen ab, denen Menschen mit Behinderung täglich gegenüberstehen. Unsere Priorität sollte darin bestehen, ein Umfeld zu schaffen, in dem Behinderungen so wenig wie möglich einschränken.

Die Barrieren, die Menschen mit Behinderung erleben, sind vielfältig. Sie reichen von physischen Hindernissen wie unzugänglichen Gebäuden und öffentlichen Verkehrsmitteln bis hin zu gesellschaftlichen Vorurteilen und Missverständnissen. Ein wirksamer Ansatz zur Verbesserung der Lebensbedingungen besteht darin, diese Barrieren systematisch zu identifizieren und zu beseitigen. Nur so kann eine wirklich inklusive Gesellschaft entstehen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Förderung eines Bewusstseinswandels in der Gesellschaft. Oft sind es die Einstellungen und Verhaltensweisen, die die grössten Hindernisse darstellen. Indem wir uns alle für eine Kultur des Verständnisses und der Akzeptanz einsetzen, können wir dazu beitragen, die Lebensqualität von Menschen mit Behinderung erheblich zu verbessern. Die Einbindung von Menschen mit Behinderung in Entscheidungsprozesse und die Anerkennung ihrer Perspektiven ist dabei unerlässlich.

Wir alle können einen Beitrag leisten, indem wir Barrieren abbauen, sei es durch die Gestaltung barrierefreier Umgebungen, die Unterstützung inklusiver Bildungssysteme oder die Schaffung von Arbeitsplätzen, die auch für Menschen mit Behinderung zugänglich sind.

Es geht darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem “Behinderung” nur noch eine untergeordnete Rolle spielt und jeder Mensch die Möglichkeit hat, sein volles Potenzial zu entfalten.

Ich rufe die Leser dazu auf, diese Sichtweise zu unterstützen und aktiv dazu beizutragen, die Lebensbedingungen für Menschen mit Behinderung zu verbessern. Durch gemeinsames Handeln können wir eine Gesellschaft formen, in der jeder Mensch respektiert und wertgeschätzt wird.

Mehr zum Thema Begriffe? Lies die Begriffserklärungen zur UN-Behindertenrechtskonvention der INSOS.

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